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Von der Mücke zum Elefanten

Aus einer Mücke wird ein Elefant. Das ist leider keine seltene Ausnahme sondern entspricht der Konfliktpsychologie. Keiner mag nachgeben und die Streithähne schaukeln sich hoch. Eine Stechmücke wiegt ca. zwei Milligramm, ein Elefant wiegt 4 Tonnen. In folgendem Beispiel ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung nicht ganz so groß, aber schon auch aberwitzig.
Für „mückrige“ 22,51 EUR hatte ein Verbraucher bei Amazon eingekauft – sinnigerweise ein Mückengitter. Die Mammutklage, mit der sich der Mann nun konfrontiert sieht, lautet auf satte 70.000 EUR.
Und wie hat sich der Streit konkret hochgeschaukelt? Das Mückengitter entsprach nicht den Erwartungen. Der Händler sah das nicht in seiner Verantwortung. In Telefonaten und E-Mails haben sich Käufer und Händler weiter zerstritten. Der Käufer stellte alsdann eine negative Bewertung des Händlers bei Amazon ein. Der Händler konterte mit der Drohung, Anzeige zu erstatten. Der Käufer wiederum ließ das nicht auf sich sitzen und beschwerte sich bei Amazon über den Händler. Dieser ließ nun seinen Anwalt eine Abmahnung mit Unterlassungserklärung und einer Rechnung über 800 EUR Anwaltskosten  ausstellen. Der Käufer wollte die Bewertung zurück nehmen, jedoch nicht die Anwaltskosten bezahlen. Die Rechtsschutzversicherung des Käufers versuchte ein Mediationsverfahren durchzuführen, die Parteien waren aber offenbar nicht zur gütlichen Einigung bereit. Im Gegenteil: Der Händler hat Klage über 70.000 EUR eingereicht, da Amazon ihm auf Grund der Bewertung und der Beschwerde sein Verkäuferkonto mit 13.000 EUR gesperrt habe, er durch die Sperrung 39.000 EUR Gewinn über Amazon verpasst habe und außerdem 20.000 EUR „weitere Schäden“ entstanden seien. Dazu kommen noch Anwaltsgebühren und Gerichtskosten, versteht sich.
Der Käufer kann einem schon leidtun. Er habe schon schlaflose Nächte. Und das, obwohl er inzwischen anderweitig ein passendes Mückengitter erworben hat und es somit an den Plagegeistern nicht liegen kann. Im Juni soll der Prozess stattfinden. Ich würde mich wundern, wenn danach nicht der Verkäufer auf dem Scherbenhaufen der Kosten dieses Schauspiels sitzen würde. Ich fresse einen Elefanten, wenn der Käufer die 70.000 EUR bezahlen muss.

 

Die Kolumne „Streithahn“ erscheint monatlich im Newsletter „Vertragsmanagement und Konfliktmanagement“.

Der Kuckuck und der Esel

„Es ist nie zu spät, vernünftig zu werden.“ Wenn das Gericht die Rechtsuchenden so belehrt, kommt das der Höchststrafe schon sehr nahe.

Das ist auch schon das Interessanteste an dem Fall. Der Rest ist eher langweilig, obwohl im altehrwürdigen Saal am Münchener Oberlandesgericht viel gesungen worden sein soll.

Beinahe nebensächlich: man streitet um eine angebliche Überarbeitung der Erkennungsmelodie der ZDF – heute Nachrichten, des sogenannten „Fanfarenblues“. Ein Musikverlag vertritt die Rechte an der 1962 in Urfassung komponierten Melodie und meint, das ZDF hätte die Veränderung nicht auf eigene Faust durchführen dürfen. Das ZDF vertritt, es handele sich um eine Neukomposition.

Das kommt Ihnen belanglos vor? Dem Gericht auch. Das hindert die Parteien jedoch nicht daran, sich gegenseitig die Gutachten um die Ohren zu schlagen. Die Oberlandesrichter nehmen’s derweil mit Humor und sehen schon die dritte Instanz mit der Klage beschäftigt: „„Vielleicht gibt es irgendwann auch ein BGH-Urteil Fanfarenblues so wie so.“

Zum tiefer lesen: http://www.tagesspiegel.de/medien/kein-urteil-gericht-empfiehlt-einigung-im-streit-um-heute-melodie/9712972.html

Die Kolumne Streithahn erscheint monatlich im Newsletter Vertrags- und Konfliktmanagement